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ESSAY

INNEN · AUSSEN · ZWISCHEN WELTEN        Tina Müller - Sigita Laubengaier       5.5.2019

 

Khalil Gibran: „Kunst ist ein Schritt von der Natur zur Unendlichkeit“

 

Für mich ein schöner Einstiegsgedanke zu dieser Ausstellung. Sie sehen Arbeiten von 2 Künstlerinnen, die auf verschiedenen Wegen zu „ihrer“ Kunst gefunden haben: Sigita Laubengaier und Tina Müller, beide Ende der 60iger Jahren geboren, die eine in Deutschland, die andere in Litauen, das damals noch von Russland beherrscht wurde. Beide fühlten sich schon in der Schule zu Kunst hingezogen, Sigita Laubengaier malte, probierte Techniken – erhielt dabei nur Unterstützung von Lehrern, die Eltern lehnten Kunst ab, forderten einen ordentlichen Beruf. So studierte sie Chemie und Pädagogik, malte aber so oft sie nur konnte. Malen war und ist IHR Leben.

Tina Müller malte und schrieb, sie hatte das Glück von ihrer Mutter unterstützt zu werden. Nach dem Abitur ging sie an die Kunstakademie, wo sie sich intensiv mit Malerei, Theater, Film und - wie schon seit Schulzeiten - mit Schreiben auseinandersetzte. Beide Künstlerinnen verbindet eine ähnliche farbliche Ästhetik, beide arbeiten in ihren Bildern oft mit vielen Schichten. Beiden ist Intuition wichtig. Ihre Ausstellung nennen sie „INNEN – AUSSEN - ZWISCHEN WELTEN“. Was hat das mit diesen Bildern zu tun? Sigita Laubengaier arbeitet fast nur aus inneren Bildern heraus, aus einem breiten Konglomerat an Eindrücken aller Lebensbereiche. Tina Müller arbeitet eher mit direkten Eindrücken von außen, aus der Natur, der Umwelt. Zwei spannende Wege in die Kunst. In und „Zwischen“ diesen Welten spielt sich Leben ab, entsteht Neues. Innen und Außen ineinander verwoben.

 

Tina Müllers Einstieg in ein Thema ist immer zeichnerisch. In ihren Bildern gibt es jedoch keine Vorzeichnungen, sie malt drauf los, wobei dann die schon angesprochenen vielen Schichten übereinander entstehen, bis sie mit dem Ergebnis zufrieden ist. Im Malen kommt Intuition ins Spiel, entsteht Neues, Ungeplantes. Anders sieht es beim Arbeiten direkt in der Natur aus, was ihr sehr wichtig ist. Natur erdet, sagt sie. Es geht um die gesehene wie die erspürte Natur, um die mit allen Sinnen direkt aufgenommenen Eindrücke.

Ihre Beziehung zur Natur ist sehr intensiv! Natur ist für sie eine Art „zweiter Wohnraum“, eine Notwendigkeit in ihrem Leben. Die ewige Schönheit der Natur als Vorbild, als Anregung zu eigenem Tun. Wie Sie an vielen Bildern hier sehen, üben Bäume große Faszination auf Tina Müller aus, sind Natur und zugleich Metapher. Verwurzelt in der Erde greifen sie nach oben, verbinden Erde und Himmel. Von ihrer festen Verankerung aus gelingt ihnen die Integration nach oben. Goethe schrieb einst, Kunst solle Kraft und Mut geben, die Kämpfe des Lebens zu bestehen – stehen diese Bäume nicht genau dafür? Weist nicht Tina Müllers Kunst einen Weg die Natur wieder umfassender wahrzunehmen, nicht aus 2. Hand wie es über Medien heute so häufig geschieht. In manchen ihrer Bilder erleben Sie die ganze Poesie von Flora und Fauna – die Suche nach diesen Bildern möchte ich Ihnen überlassen!

Die ganze Welt liegt bei ihr in einem Baum, einer Pflanze, einem Menschen. Hier denke ich wieder an das Motto der Ausstellung: INNEN – AUSSEN – Zwischen. In unserer medialen Welt liegt „das Fremde“ kaum mehr im Außen, Bilder aus aller Welt überfluten uns täglich. FREMD ist uns das INNEN – in uns wie in der Natur. Genau hier spielt Kunst eine immer spannendere Rolle.

Ästhetik ist nämlich nicht bloß die „Lehre von der Schönheit“. Ursprünglich war damit alles gemeint, was unsere Sinne bewegt, wenn wir es betrachten, Schönes wie Hässliches, Angenehmes wie Unangenehmes. Und, seien wir ehrlich: der Schönheitsbegriff ist durchaus wechselnden MODEN unterworfen – aber KUNST ist KEINE Mode!

In ihren figürlichen Geschichten geht es Tina Müller darum, wie Menschen sich (besser oder schlechter) in der Welt zurechtfinden. Sie führt uns Befindlichkeiten vor Augen, unsere Beziehung zur Umwelt, zu Menschen, Tieren, Pflanzen. Ihre Bilder machen uns wacher, bewusster der unfassbaren Größe der Natur gegenüber. Auch das Miteinander in der Welt ist ja ein Teil der Natur.

Grundsätzlich sind bei ihr die Titel notwendiger Bestandteil eines Bildes. Man spürt: ihr sind Bild und Wort wichtig, bilden zusammen ein Ganzes. Das weist auf ihre Vielseitigkeit, denn hier sehen Sie nur eine ihrer kreativen Facetten, zu denen Schreiben, Theater und Film ebenso gehören, wie die Malerei und zwar von Anfang an.

 

Sigita Laubengaier sind Titel eher unwichtig. Jeder sollte sich zuerst allein mit den eigenen Augen auf ihre Bilder einlassen.

Seit Schulzeiten hat sie immer nur Hilfe bezüglich diverser Techniken gesucht, hat viel experimentiert. Zwei- wie dreidimensional. Formal wollte sie von Anfang an eigene Wege gehen, sich nicht beeinflussen lassen. Inzwischen ist ein breiter Fundus an maltechnischem Handwerk herangewachsen, sie hat „ihre“ Technik gefunden. Auf diesem Fundament kann sie sich ganz frei auf den Malprozess einlassen, der ihr ermöglicht, die aus dem Inneren kommenden Bilder „laufen zu lassen“, wie sie es nennt. Der Kopf als eine Art Barriere zum Unbewussten wird ausgeschaltet. Ihre innere Intuition fließt quasi direkt in die Hände. Als Rechtshänderin beginnt sie oft mit der linken Hand, weil diese weniger „kopfgebunden“ ist, Unbewusstes weniger blockiert. Mit der Rechten wird erst danach auf Genauigkeit der Ausführung geachtet, eher nur technisch weitergefeilt. Bis dieser Prozess zu Ende ist, kann es sehr lange dauern und viele Schichten wachsen dabei übereinander.

Die in Tina Müllers Bäumen erdgebundene Verwurzelung, liegt beim Menschen IN sich selbst. Die Erde ist außen, auch eine Art Boden für uns, aber ohne den Boden IN uns fehlt das Fundament. Wir Menschen brauchen beides. Die im Inneren wachsenden Bilder sind oft ungreifbar, nicht in Worten mitteilbar. Sigita Laubengaier hat einen Weg zur Visualisierung gefunden, zur „Gestaltung des Gestaltlosen“ – wie es der Japaner Toshimitsu Hasumi bezeichnet, der sich intensiv mit ZEN in der Kunst beschäftigt. Aus ihrem Inneren tauchen Menschen, Tiere, Pflanzen auf, aber eben keine Abbilder von außen, sondern Bilder aus dem Inneren. Und da sie oft von allen Seiten an einem Bild arbeitet, sehen Sie bei einigen Arbeiten auf verschiedenen Seiten Signaturen. Keine Seite hat Vorrang, es liegt am Betrachter, welche Seite ER als die – eben für ihn persönlich – wichtigere oder ansprechendere ansieht.

Für mich waren Künstler immer schon eine Art „Seismographen“. Menschen, die in ihrer hohen Sensibilität Strömungen in der Welt eher wahrnehmen als andere, die deutlicher Kommendes herannahen spüren. Sigita Laubengaier empfindet ihre Arbeit als einer Art „prophetisches Malen“ – ein Tasten in die Zukunft. Das entspricht dem, was der österreichische Schriftsteller Karl Kraus meint, für den Kunst das ist, was Welt wird, nicht was Welt ist.

Ich hatte schon erwähnt, dass die farbliche Ästhetik der beiden Künstlerinnen sie verbindet. Spannend ist nun, dass die Farbigkeit, die bei Tina Müller aus der Natur, aus der Umwelt, also dem Außen kommt, derjenigen bei Sigita Laubengaiers aus dem Inneren kommenden ähnelt, bei der Geschehnissen sowie Stimmungen je entsprechende Farben zugeordnet sind. Wieder dieses INNEN – AUSSEN! Beide zeigen sichtbar eine enge Verwandtschaft. Die Wege dieser beiden Künstlerinnen führen auf je eigenen Wegen zur Natur des Menschen.

 

Und nun, am Ende meiner Einführung, kommen Sie als Betrachter ins Spiel. Die uralte indische Kultur hat sich intensiv auch mit Ästhetik beschäftigt. Dabei spielt der Begriff „Rasa“ eine zentrale Rolle. Er bezeichnet den nicht in Worte zu fassenden mentalen Zustand von Freude und Erfüllung – ich würde dem dringend noch Bereicherung hinzufügen wollen, der sich beim Erleben eines gelungenen Kunstwerkes beim Betrachter einstellt.

Ihnen allen wünsche ich nun ganz viel RASA beim Gang durch diese Ausstellung.

Und ich glaube beide Künstlerinnen freuen sich sehr über Gespräche mit Ihnen!

Herzlichen Dank für Ihre Geduld

 

Dr. Michaela Duhme


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KATALOG Tina Müller: Neue Arbeiten 2017/2018
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KATALOG Tina Müller: Neue Arbeiten 2016 "Draußen nichts als Wunder"
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Katalogtext: NEUE ARBEITEN 2016 - DRAUSSEN NICHTS ALS WUNDER

Die sinnliche Abbildung der Wirklichkeit ist pulverisiert – doch das Bedürfnis nach unverbrüchlicher Schönheit bleibt. Die Globalisierung ist abgeschlossen – doch das Fernweh dauert an. Und weil nun die Welt ein komisches fraktales, aus abertausenden Wahrnehmungspartikeln zusammengeschustertes Dorf ist, ist es ganz gleich, ob wir nach Honolulu, Timbuktu oder Graubünden reisen. Entscheidend ist einzig, dass wir tatsächlich irgendwo ankommen und was wir dann tun. Denn längst ist für unsere Wahrnehmung der Welt, die Art, die Methode unseres Sehens viel ausschlaggebender, als der Ausschnitt der Welt, den wir gerade betrachten. Die Filter liegen jetzt hinter den Augäpfeln.

Die Stuttgarter Künstlerin Tina Müller hat ihre Farbkästen, Papiere und Vesperbrote eingepackt, ist rausgefahren aus ihrem Habitat, um in die Wirklichkeit von Feld, Wald und Flur einzutauchen. Dort, vielleicht mit dem Rücken gegen einen Apfelbaum gelehnt, vielleicht auf einem Hügel im hohen Almgras gelagert, bringt sie Vergegenwärtigungen und Übersetzungen dieser „Biomasse“ zu Papier. Grad‘ so, wie es die Empfindsamen unter den natursuchenden Künstlern getan haben, etwa die Dichter Théophile Gautier oder Stéphane Mallarmé. Was Tina Müller von diesen Sessions im Grünen zurückbringt, sind Gedichte ohne Worte und Buchstaben. Rausgehen – Hinschauen – Einlassen – Übertragen – Festhalten – Heimbringen, ihre Methode ist wie Pilze sammeln, nur ohne eine Suppe zu kochen. Denn Tina Müller verspeist nichts, sie überträgt, sie schichtet und arrangiert ihre ästhetischen

Funde. Wo andere Künstler gierig schlingen, hält sie sich zurück und fügt ihre aus der Natur entnommenen Ideen zu einem Tableau, das sich zwar vor unseren Augen ausbreitet, sich jedoch auch an unser inneres Auge richtet. Wir sehen in diesen Bildern aus transformierten Bruchstücken der realen Welt verfertigte Symbole, die, neu zusammengesetzt, eine Welt unhinterfragter Schönheit und Vollkommenheit ergeben. Ästhetische Gewissheiten werden hier nicht direkt abgebildet, sondern durch indirekte Stilmittel evoziert. Geschickt spielt die Künstlerin mit dem für unsere turbomediale Gegenwart so typischen Misstrauen gegenüber der eigenen Wahrnehmung. Ihre Malerei ist Balsam für unsere im Dauerfeuer verbrannten Sehrinden, ist kühlende Sehschule für uns, die wir vor lauter Bilder nichts mehr sehen. Wir haben verlernt mit dem Wald zu summen – Tina Müller summt für uns mit.  

Hansjörg Fröhlich


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TINA MÜLLER · 2000 – 2015 · Malerei und Zeichnung
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Katalogtext: 2000 –2015 · Malerei und Zeichnung

In den ersten 15 Jahren dieses Jahrtausends habe ich neben der Malerei viel Zeit in verschiedene Schreibprojekte investiert. Theaterstücke, Kurzgeschichten, Gedichte und sogar ein lyrisches Kochbuch sind entstanden. Manches wurde auf einer Werkstattbühne im Stuttgarter Westen mit Schauspielern umgesetzt und gelesen, manches wurde gedruckt und verlegt, manches malerisch und zeichnerisch weiterverarbeitet, wie z. B. in einem Künstlerbuch-Projekt. Zwischen 2005 und 2014 unternahm ich mit einer Gruppe befreundeter Künstler mehrere Malreisen in die Ateliers von Civitella d’ Agliano, Italien. So erhielt in dieser Zeit auch die Malerei weiterhin ihren Raum. Einige Bilder sind von der beeindruckenden Natur inspiriert, was ein stetes Thema meiner künstlerischen Arbeit ist.
Viele andere zeigen Szenerien, die kontemplativ entstanden sind und sich auf dem Malgrund Schicht für Schicht entwickelt haben. Auch sie erzählen kleine Geschichten von besonderen Momenten und Situationen – manchmal kenne ich sie schon, oft halte ich sie mir selbst zum ersten Mal vor Augen.

Tina Müller